Wie viele Quellen braucht eine Literaturrecherche?
· 5 Min. Lesezeit · Das Grongy-AI-Team

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Die Frage kommt in jeder Sprechstunde, und die ehrliche Antwort — „so viele, wie Ihre Frage braucht“ — hilft niemandem, der eine Anmeldefrist hat. Also zuerst die Richtwerte, danach das Kriterium, auf das es wirklich ankommt.
Richtwerte
Was in deutschsprachigen Fachbereichen ungefähr erwartet wird. Ihre Prüfungsordnung und Ihre Betreuung gehen vor.
| Arbeitstyp | Übliche Spanne |
|---|---|
| Seminararbeit (10–15 Seiten) | 10–20 |
| Bachelorarbeit | 25–45 |
| Masterarbeit | 45–80 |
| Dissertation | 150–400 |
| Systematisches Review | alles, was die Kriterien erfüllt |
Diese Zahlen sind Beobachtungen, keine Vorgaben. Eine Bachelorarbeit mit 22 gründlich gelesenen Quellen ist besser als eine mit 60 aufgezählten, und beide werden von Prüfenden binnen Minuten unterschieden.

Warum die Zahl das falsche Kriterium ist
Ein Literaturverzeichnis lässt sich in einer Stunde verlängern. Was sich nicht in einer Stunde erzeugen lässt, ist eine Quelle, die im Text arbeitet: die mit einer anderen verglichen wird, deren Methode benannt ist, deren Befund gegen einen zweiten gestellt wird.
Prüfende erkennen den Unterschied an einer einzigen Stelle — daran, wie oft eine Quelle im Text vorkommt. Eine Arbeit, in der siebzig Prozent der Quellen genau einmal auftauchen, in einer Klammer hinter einem allgemeinen Satz, hat siebzig Prozent Dekoration.
Das eigentliche Kriterium: Sättigung
Für den Aufbau des Kapitels selbst siehe unseren Leitfaden zur Literaturrecherche. Für die Frage nach dem Umfang gilt: Ihre Recherche ist ausreichend, wenn drei Dinge zutreffen:
Die Namen wiederholen sich. Neue Treffer verweisen auf Arbeiten, die Sie schon kennen. Wenn die Literaturverzeichnisse Ihrer Fundstücke keine Überraschungen mehr enthalten, haben Sie den Kern des Feldes.
Die Befunde wiederholen sich. Neue Studien sagen dasselbe wie die schon gelesenen, mit anderen Stichproben. Das ist der Punkt, an dem Weiterlesen der Vermeidung dient.
Sie können die Streitfragen benennen. Sie wissen, worin sich das Feld einig ist und worin nicht — und zwar so genau, dass Sie es jemandem in fünf Minuten erklären könnten.
Wer alle drei Punkte erfüllt und trotzdem weitersucht, sucht nicht mehr Literatur, sondern Sicherheit.
Was zählt eigentlich als Quelle
Nicht alles im Literaturverzeichnis ist gleich viel wert, und manche Fachbereiche zählen streng.
Zählt in jedem Fall: begutachtete Zeitschriftenaufsätze, Fachbücher, Sammelbandbeiträge, Dissertationen, Konferenzbeiträge in begutachteten Bänden.
Zählt mit Vorbehalt: Preprints (nicht begutachtet — kennzeichnen), Berichte von Behörden und Verbänden (nützlich für Zahlen, nicht für Theorie), Normen und Gesetze (Belege, keine Forschung).
Zählt kaum: Lehrbücher (Sekundärdarstellung; ein Lehrbuch als zentraler Beleg für einen Forschungsstand wirkt wie fehlende Recherche), Wikipedia (als Einstieg in Ordnung, im Verzeichnis nicht), Blogs und Unternehmenswebsites (außer sie sind Ihr Untersuchungsgegenstand).
Ein besonderer Fall sind Zeitungsartikel. Als Beleg für die gesellschaftliche Relevanz eines Themas in der Einleitung: legitim. Als Beleg für eine empirische Aussage im Hauptteil: nicht.
Aktualität
Eine verbreitete Faustregel lautet „nichts älter als zehn Jahre“. Sie ist in dieser Form falsch.
Was aktuell sein muss, ist der Forschungsstand: Wenn zwischen Ihrer jüngsten Quelle und heute fünf Jahre liegen und in diesen Jahren etwas passiert ist, fehlt etwas. Was nicht aktuell sein muss, sind die Grundlagen: Wer über kognitive Belastung schreibt, zitiert Sweller (1988), weil dort die Theorie steht. Ein Klassiker durch eine neuere Sekundärdarstellung zu ersetzen, ist keine Modernisierung, sondern ein Verlust.
Eine brauchbare Mischung: Grundlagen älter, Forschungsstand aus den letzten fünf bis acht Jahren, mindestens ein paar Arbeiten aus den letzten zwei.
Fächerunterschiede
Medizin, Naturwissenschaften, Psychologie. Zeitschriftenaufsätze dominieren, die Halbwertszeit ist kurz, Aktualität zählt viel. Bücher spielen eine geringe Rolle.
Rechtswissenschaft. Kommentare, Urteile, Gesetzestexte tragen die Arbeit; die Zählweise unterscheidet sich grundsätzlich von der empirischer Fächer.
Geistes- und Kulturwissenschaften. Monografien wiegen schwer, Alter ist kein Makel, Primärquellen zählen gesondert. Eine Arbeit mit vierzig Titeln kann hier gründlicher sein als eine mit hundert in einem anderen Fach.
Ingenieurwissenschaften und Informatik. Konferenzbeiträge sind vollwertig und oft aktueller als Zeitschriften; Preprints sind üblich, müssen aber gekennzeichnet werden.
Wenn Sie unsicher sind, öffnen Sie zwei bis drei abgeschlossene Arbeiten Ihres eigenen Instituts. Deren Verzeichnisse sagen Ihnen mehr über die Erwartung als jede allgemeine Regel.
Zu wenig gefunden – was dann?
Bevor Sie schließen, dass es nichts gibt, prüfen Sie in dieser Reihenfolge:
- Suchbegriffe. Ihr Alltagsbegriff ist selten der Fachbegriff. Suchen Sie in gefundenen Aufsätzen nach den Schlagwörtern, die dort vergeben sind.
- Sprache. Zu vielen Themen ist die Literatur englisch. Eine deutsche Suche findet einen Bruchteil.
- Datenbank. Google Scholar ist ein Anfang, kein Ende. Fachdatenbanken, Crossref, OpenAlex und Ihre Bibliothek finden Verschiedenes.
- Nachbarschaft. Dieselbe Frage in einem anderen Fach, derselbe Mechanismus in einem anderen Kontext.
- Schneeball. Die Literaturverzeichnisse Ihrer besten Fundstücke rückwärts, und über die Zitationszahlen vorwärts.
Bleibt es danach dünn, ist das ein Befund und kein Mangel. Sagen Sie im Forschungsstand, was Sie durchsucht haben und was nicht auffindbar war — das ist Methode und wird als solche gewertet.

Zu viel gefunden – was dann?
Ausschlusskriterien festlegen und aufschreiben. Zum Beispiel: nur begutachtet, nur ab 2015, nur deutsch- und englischsprachig, nur empirische Arbeiten, nur eine bestimmte Population. Der entscheidende Schritt ist nicht das Einschränken, sondern das Aufschreiben — eine offengelegte Grenze ist ein Verfahren, eine unausgesprochene ist Zufall.
Der Test, der jede Zahl schlägt
Gehen Sie Ihr Literaturverzeichnis durch und markieren Sie jede Quelle, die im Text mehr als einmal vorkommt oder in einem Vergleich steht.
Ist es weniger als die Hälfte, ändern Sie nicht die Anzahl, sondern das Kapitel: Die Quellen sind da, sie arbeiten nur nicht. Ordnen Sie den Forschungsstand nach Streitfragen um, und die Hälfte der einmaligen Nennungen fügt sich von selbst in einen Vergleich.
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Verteidigung der Abschlussarbeit – die Fragen, die tatsächlich kommen
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